Ein bisschen Willkür für 1,20 Euro.
Obacht, da kommt eine echt eklige Sache irgendwie:
In … keine Bank! hatte ich ja mal von dieser absonderlichen Geldschein-Allergie berichtet, die so mancher Berliner Busfahrer liebevoll hegt und pflegt. Wenn sich eine solche Aversion gegen Papiergeld allerdings noch mit einem latenten Hang zu Rassismus vermischt, dann kann daraus was ganz Perverses entstehen. So geschehen am vergangenen Donnerstag im 104er Richtung Heimat. Der 104er fährt, das sollte man wissen, so einmal kwer durch Berlin-Neukölln. Da geht’s dann schon ein bisschen Multi-Kulti zu, das bringt die Gegend so mit sich - und ist ja auch erstmal nix Schlimmes. Sollte man denken.
Das mit dem “nix Schlimmes” sah der zuständige Busfahrer ganz offenbar völlig anders und hatte auch keine Scheu dies demonstrativ zu praktizieren:
Haltestelle “Rathaus Neukölln” stieg ein ganz offensichtlich nicht-weisshäutiger Mann ein. Ich würd ja denken, dass “Neger” das treffenderer Wort wäre, aber ich glaube das darf man so nicht mehr laut sagen, da guggn einen alle immer ganz komisch an. Auf jeden Fall stieg dieser farbige Mann ein und hielt dem Busfahrer einen 100-Euro-Schein unter die Nase und bat in einem eher radebrechenden, aber völlig verständlichem, Deutsch um ein Ticket für eine Kurzstrecke. Kostenfaktor: 1,20 €.
Okeoke, ich seh’s ein: Ein 100-Euro-Schein sollte sicherlich nicht das gängige Zahlungsmittel beim Busfahrer sein und wahrscheinlich kann man auch ganz gut nachvollziehen, das sich des Busfahrers Seele da irgendwie verweigert. Herrje, wenn ständig Leute mit 100-Euro-Scheinen Tickets im Wert von 1,20 € kaufen wollen, dann ist der Mann am Lenker ja nur noch mit Geld-Rausgeben beschäftigt und ich seh da durchaus eine gewisse Unzumutbarkeit drin verankert. Aber anstatt dies irgendwie einfach mal zu kommunizieren tat der besagte Fahrer etwas ganz anderes:
Er schloss die Türen und fuhr los. Und im Losfahren fing er an den Mann, der da immer noch mit seinem 100-Euro-Schein in der Hand rumstand, niederzubrüllen. Es fielen diese klassischen Dinge á la: “Wohl grad Geld vom Amt bekommen - keine Steuern zahlen, aber hier mit großen Scheinen einen auf Macker machen wollen - Ob das im Busch üblich sei? Ach nee, da sind ja Kokosnüsse das einzig bekannte Zahlungsmittel -” ect. pp.
Der Farbige wirkte einerseits ein wenig eingeschüchtert (Natürlich, herrje!) und andererseits aber erkannte er durchaus die Sinnlosigkeit darin, sich auf diese … ähm … Diskussion jetzt auch noch einzulassen und deswegen sagte er schlicht, dass er dann halt wieder aussteigt. Was den Arsch am Steuer Busfahrer dazu veranlasste, erst zum finalen Schlag auszuholen: “Jaja, Bürschen, so stellst du dir das vor - mit mir nicht - erst einsteigen und dann nicht zahlen wollen - die Fahrt bis zur nächsten Haltestelle musst du löhnen - die BVG um lumpige 1,20 Euro betrügen wollen - das sind mir die Richtigen.” - und riss dem Farbigen den 100-Euro-Schein aus der Hand, gab ihm Ticket und Wechselgeld, hielt an und schmiss ihn aus dem Bus.
Ich fasse kurz zusammen: Mit einem 100-Euro-Schein kann man kein 1,20€-Ticket kaufen, aussteigen kann man aber auch nicht, weil der Bus ja schon wieder losgefahren ist, und weil man mitfährt, muss man 1,20 € zahlen. Mit einem 100-Euro-Schein. Und dann wird man rausgeschmissen.
So ein Kurzstrecken-Ticket ist 6 Stationen haltbar.
Ein bisschen Willkür dürfte ein unbegrenztes Haltbarkeitsdatum haben.
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Post Scriptum I, Für die, die jetzt gleich fragen: “Warum hast du nix gemacht”:
Ich wusste nicht was. Mir ist nichts eingefallen in dem Moment, was ich hätte tun können. Erst viel später, genauer gesagt: Heute, kam mir der Gedanke, dass ich dem Busfahrer einfach hätte 1,20 € in Kleingeld hinlegen können und damit wahrscheinlich ein klares Zeichen gesetzt hätte. Es fiel mir in der Situation aber leider nicht ein.
Post Scriptum II, nicht nur der Form halber:
Die oben kursiv geschrieben Aussagen des Busfahrers, habe ich aus dem Gedächtnis niedergeschrieben. Wort für Wort werden sie also sicher nicht stimmen. Allerdings kommen sie *sehr* nah dran an das Gesprochene. Mein Gedächtnis ist bei manchen Dingen unglaublich funktionierend. So auch hier.
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Am 2. September 2006 um 03:01 Uhr
Das mit dem “warum hasten nix gemacht” kenn ich. Meist ist man in dieser Situation einfach so baff, wirklich schlaues fällt einen selten ein in diesem Moment. Ich glaube “beim nächstenmal klappts” ist irgendwie nicht wirklich hybsch zu sagen… aber so ists.
Am 2. September 2006 um 11:06 Uhr
Wow, das ist _wirklich_ ekelhaft.
Schick den Vorgang doch mal unter genauer Nennung der Zeit an die BVG - in der Hoffnung, dass dieses rassistische Arschloch bald selber “Geld vom Amt” bekommt.
Die Nichts-Gemacht-Situation ist normal. Hier, vom Schreibtisch, fallen einem immer hundert Sachen ein. Wenn ich in dem Bus gesessen hätte, wäre mir wohl auch vor lauter schockiert-und-angeekelt-sein nicht (legales) eingefallen.
Gruß,
Stephan
Am 2. September 2006 um 11:29 Uhr
Ich glaub in so einer Situation ist jeder erstmal “überrumpelt”, insbesondere, weil das Vorgehen des Busfahrers echt absurd rüberkommt. Auf sowas ist man nie gefaßt. Mir wär wohl einfach die Kinnlade nach unten geklappt, da mein Gehirn für eine gewisse Zeit solche Vorgänge gar nicht fassen kann, so nach dem Motto: “Das ist jetzt nicht wirklich passiert!”
Ich konnte bisher nur einmal eine Situation entschärfen, als ein Fahrgast im offensichtlich betrunkenen Zustand (wie viele der Fahrgäste, da es ein Shuttleservice für ein OpenAir-Festival war) nicht einsehen wollte, warum er, wenn er doch nur “zum Pissen” (Zitat) nach Hause fahren wollte, 2 DM löhnen muß. Ich hab dann die 2 DM für ihn bezahlt, damit er nicht noch dem Kontrolleur eins auf die Mütze gibt und andere das gleich mal als Animation zur Massenrauferei ansehen. Der Typ war mir dankbar (”Bischt escht ´n Ordnung, ne…”) und auch der Kontrolleur sah glücklich aus. Das hab ich aber nur gebacken gekriegt, weil sich die Diskussion schon eine Weile hinzog und recht langsam einen kritischen Charakter annahm.
Am 2. September 2006 um 15:19 Uhr
Naja, Uhrzeit und Linie dem zustaendigen Betrieb melden und Vorfall schildern. Der Fahrer duerfte ja dann eigentlich nicht mehr lange in dem Job sein.
Am 2. September 2006 um 16:42 Uhr
“Der 104er fährt, das sollte man wissen, so einmal kwer durch Berlin-Neukölln.”
Also so habe ich das Wort “quer” (Text siehe “kwer”) noch nirgendwo gesehen. Danke für die Erzeugung eines Lächelns in meinem Gesicht :-).
Am 30. Oktober 2006 um 12:17 Uhr
wär ich der typ mit den 100€ ich hätt dem fahrer glaub ich eine ins mowl gehaun (für rassistische bemerkungen wie vom fahrer gekommen könns ja wohl nich sein)
Am 26. Januar 2007 um 23:33 Uhr
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