Berliner Befindlichkeiten

Dett macht sich von Weiten sehr entfernt: Berliner sind Ignoranten. Und sie sind es gerne. Berliner ziehen ihre ganze Kraft zum Leben nur aus einem: Aus ihrer Befindlichkeit, dem Rest dieser unwürdigen Welt ignorant gegenüberzustehen. Von wegen Berliner Luft! Berliner Befindlichkeiten!

Berliner sind eigenartige Menschen. Um nicht zu sagen: Berliner sind keine Menschen. Berliner sind irgendwas anderes. Dem typischen Berliner ist es völlig egal, dass man seine halbe Schwangerschaft damit verbracht hat, einen Namen für sein Kind zu finden. Einen Namen, der diesem eine glückliche und hoffnungsvolle Zukunft verspricht. Sowas interessiert einen Berliner nicht. Ist ihm scheissegal. Er nennt dein Kind eh “Atze”. Egal ob es Hans, Karl, Gottfried oder Norbert heisst: Sobald Du Berlin betrittst, heisst es “Atze.” Punkt. Lohnt auch keine Diskussion. Berliner diskutieren nicht. Berliner stellen fest und haben dann Befindlichkeiten. Und wenn es die Befindlichkeit eines Berliner ist, dich “Atze” zu nennen, dann tut er das. Gnadengesuche zwecklos.

Würde er sich auf diese eine Unart beschränken, dann könnte man den typischen Berliner ja noch als Zeitgenossen dulden. Tut er aber nicht. Wegen besagter Befindlichkeitsignoranz.

Geht man in Restdeutschland morgens in eine Bäckerei, um Brötchen zu kaufen, wird man freundlich lächelnd begrüßt und erhält, was man gewünscht hat. Nicht so in Berlin. Die blonde Berliner Bäckereibarbie hinter dem Tresen zieht, beim Hören des Wortes ‘Brötchen’, die rechte Augenbraue kurz bis hinter ihren Scheitel und ihr kaugummikauender Mund öffnet sich leicht verächtlich und heraus kommt ein “Dette jibt hier net.” Irritation macht sich breit, natürlich nur bei einem selbst. Das blonde Ding dreht sich um, beschäftigt sich weiter mit irgendwas, nur nicht mehr mit dir. Kunde will was, das hat sie nicht. Erledigt. Berliner sind da sehr praktisch veranlagt. Du selbst starrst verdattert auf das Meer an Brötchen, das sich in greifbarer Nähe hinter der Glasscheibe tummelt und fühlst Dich plötzlich so schrecklich verloren in dieser großen Stadt.

Sie schaffen es immer wieder. Sie zeigen Dir, wo sie nur können, dass DU kein Berliner bist. Lieber schmeissen sie 150 Brötchen weg, als Dir in einem klitzekleinen Satz zu verraten, dass das in Berlin “Schrippen” heisst und nicht Brötchen.

Versuch bloss nie, sie auszutricksen. Lass es, vergiss es einfach. Es bringt nichts. Hast Du Dich dann endlich mal schweren Herzens von Deinem Seelenwunsch verabschiedet, in dieser Stadt jemals noch ein Brötchen essen zu können und schwenkst auf anderes Gebäck um, kriegen sie dich auch. Hungert es Dich nach einem Kreppel nimmt das Desaster erst richtig seinen Lauf. Schon wohlwissend, dass es wahrscheinlich nicht klappen wird, wenn Du nach einem “Berliner” verlangst, nutzt Du das hessische Wort “Kreppel”, setzt dein gewinnbringendstes Lächeln auf und fühlst dich ziemlich siegessicher. Das Hungern wird gleich vorbei sein, denkst Du, als just in diesem Moment die Kaugummiblase besagter blondierter Ignorantenheldin mit einem lauten Knall platzt. Denn Kreppel jibbet hier nich. Unnötig zu erwähnen, dass etwa 30 Stück besagter ‘jibbet-hier-nich’, gefüllt mit leckerem Pflaumenmus, kichernd hinter besagter Glasscheibe sitzen.

Du wirst nervös und hast einen leicht gereizten Ton in der Stimme, als Du Frau DummBrotVerkäuferin fragst, was das sei dort - auf besagtes Objekt der Begierde deutend. “Det sind Pfannkuchen”, schmatzt sie hervor, um sich direkt wieder umzudrehen und den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zu widmen. Dazu gehörst Du selbst eindeutig nicht. Soviel ist klar. Noch während du selbst versuchst Deinen knurrenden Magen zu beruhigen, drängt sich eine neue Problematik auf: Wenn das Pfannkuchen sind, wie nennt man dann bitte in Berlin das, was in Restdeutschland unter Pfannkuchen versteht?

Du kratzt Deinen letzten Rest Überlebenswillen zusammen und fragst mit zittriger Stimme :”‘Tschuldigung, und wie heissen denn hier diese Crepe-artigen Fladen, die man in einer Pfanne herstellt?” Madame Bäckereifachidiotin dreht sich nicht mal um, als sie antwortet: “Det sind Eierkuchen.” Gefolgt von einem lauten ‘Plopp’ der zerplatzenden Kaugummiunart.

Hunger macht streitlustig und dein berechtigter Einwand, was denn sei, wenn man seine eierkuchen aber immer ohne Eier herstellt, wird galant abgeschmettert: “Det is mir doch egal, was dann is.” Plopp …

Gepeinigt vor Hunger verlässt Du diesen Ort der Ignoranz und versuchst aufkommendes Heimweh durch dein Magenknurren zu übertönen. In dieser Verzweiflung wende dich niemals an einen vorbeihuschenden Ignoranten. Tu es nicht!

Auch wenn es Dich noch so sehr nach einem freundlichen Wort dürstet. Denn er ist auch Berliner, genau wie Miss Plopp aus dem Brötchenladen. Sie alle vereint eines: Eine Befindlichkeit nach Ignoranz. Wenn Du es dann doch tust und ihn ansprichst: Frage ihn niemals nach der Uhrzeit. Es wird Dein sicherer Seelentod werden. Denn die Antwort wird lauten: “Es ist Viertel Acht.” Viertel vor oder Viertel nach Acht, wirst Du fragen wollen, und in diesem Moment ein lautes ‘Plopp” hören und der Uhrenträger wird entschwinden. In einer Kaugummiblase. Vielleicht hast du irgendwann Glück und vielleicht wird Dich ein eingeweihter Berliner aus einer Laune heraus in die “Viertel-Geheimnis-Theorie” einweihen. Wahrscheinlich aber nicht. Viertel Acht ist 7.15 Uhr wirst du dann erfahren und noch während du dumm guckst, wird ein Plopp ertönen und der Rest ist Geschichte….

Und wenn du ganz besonders auf der Sonnenseite des Lebens stehst und, Aug in Aug mit deinem drohendem Hungertod, eines Tages in die Bäckerei stürmst und Frau Dämlichplopprumverkäuferin anschreist: “Gib mir sofort ein Brötchen oder ich zieh Dir was mit diesem Knüppel über dein dummes, blondiertes Hirn.” - dann wird sie Dir ein Weissbrot reichen, gefolgt von einem ‘Plopp’ und weiter das tun, was sie am Besten kann: Ignorant vor sich hingucken. Und so hast Du dann gelernt, dass ein Weissbrot nicht Weissbrot heisst, sondern Knüppel.

Die Spree ist tief genug an manchen Stellen um sich dann hineinzustürzen.
Und auf Deinen Grabstein werden sie meißeln: “Hier liegt kein Berliner.”

Diesen Text habe ich vor etwa 5 oder Jahren geschrieben; eben kurz nachdem ich nach Berlin gezogen bin und als Zugewanderte erste Eindrücke zu verarbeiten hatte. Der Verarbeitungsprozess hält bis heute an und wird alltäglich wieder auf eine Bewährungsprobe nach der anderen gestellt. Warum ich die "Berliner Befindlichkeiten" nun ausgerechnet wieder ausgegraben habe, hat einen Anlass. Den erkläre ich später. Oder Morgen. Oder am Sonntag.

14 Meinungen der Mitfahrer vorhanden zu “Berliner Befindlichkeiten”

  1. Kossatsch

    Das Wort Kreppel bedeutet mir, dass ich mich doch wohler fühle, wo solche Dinge Krapfen heißen, und anderes Gebäck Semmeln. Wobei man hier auch Brötchen versteht, sich aber gleichzeitig als Preuße schrecklichst outet.

    ;-)

  2. Börnd

    Ich fühle mich an meine Alte Heimat erinnert, ist aber auch sehr lustig, erkläre nem Rheinländer mal was ne Bulette ist :-)

    Börnd, der schon sehr lange nicht mehr in Berlin war aber dafür schon zu lange in Bonn rumgammelt

  3. BallerKalle

    Oh mein Gott ich hab herlich gelacht :)
    Ich kenne vor allem das mit der Uhrzeit ich sage auch immer viertel vor bzw. nach und ein Freund von mir geht das so auf die nerven das er mich deswegen schon einmal fast mit einer Standuhr erschlagen hätte :)

  4. Martin

    Das muss an den Großstadtbäckereiverkäuferinnen liegen. In Paris sind die Brötchenverkäuferinnen etwa gleich freundlich. Da zeigt man auf etwas, erklärt auf französisch (das man ja 6 Jahre lang in der Schule gelernt hat), dass man genau das da hinter der Scheibe haben will, weil man das Wort für Vollkornbrot nicht kennt und bekommt als Antwort, dass man dich nicht versteht, um dann den nächsten Kunden zu bedienen.

  5. pizzablogg

    Ich hab mich fast wegegeschmissen vor Lachen. Ne, die Berliner sind echt schon ein komisches Völkchen.

    Ich war letztes Jahr mal in Berlin in einer Pension: Hinter dieser Beschreibung verbarg sich eine Altberliner Großbürgerwohnung, deren Zimmer einfach untervermietet wurden. Die Pensionsleiterin/Herbergsmutter wohnte ein paar Zimmer weiter.

    Jeden Morgen setzte sie sich beim Frühstück einfach zu uns und erklärte uns lang und breit im schönsten Berliner Dialekt die Welt sprich Berlin aus ihrer Sichtweise.

    Ich wollte echt nicht wissen, wie die Berliner ihren Bürgermeister nennen, hat aber nix genutzt: erzählt hat sie es trotzdem. Die paar Tage war es noch halbwegs amüsant, aber wenn ich das jeden Tag…Neeee, lass mal. Die Kölner sind zwar manchmal auch sehr gewöhnungsbedürftig, aber irgendwie pflegeleichter (Ein Glas Kölsch und schon ist das Eis gebrochen ;-)

  6. Matthias

    Hier sag ich Schrippe, in Schwaben sag ich Weggle ;)

    Ich wohn nun schon seit ich 3 Jahre alt bin in Berlin und bin es demzufolge eijentlich gewohnt, andererseits fällt mir das auch nie so auf. Ich glaub die Urberliner sind nur zu offensichtlich von anderswo Kommenden so böse. Ich kann echt den Geschichten über unfreundliche Berliner nichts abgewinnen.
    Andererseits gab es vor einiger Zeit bei SpiegelOnline eine kleine Geschichte über die Berliner Art und warum sie so sein sollen. Dort stand, dass Leute, die erst seit einer Woche in der Stadt leben, schon behaupten, Berliner zu sein. Das mögen die echten Berliner natürlich nicht und lassen es sie spüren. Könnte was dran sein :)

  7. Senderin

    Die meisten in Berlin Lebenden sind glaub ich zugezogen, da muss man sich als gebürtiger Berliner schon mal abgrenzen. :-)
    Und die Ignoranz empfinde ich eher als Ruppigkeit. Als Antwort auf die Frage “wie spät ist es bitte?”, kenn ich auch: “Kannste nich selber uff ne Uhr kieken?!”

  8. Korrupt

    Viertel acht ist 7.15, dreiviertel acht 7.45. Was ist daran schwierig zu kapieren? Das haben die Berliner sicher eh aus Schwaben importiert.
    Aber dass Berliner graessliche Menschen sind, nun ja, wissen wir das nicht alle? Und was das Broetchenkaufen angeht: Hier in Bochum haben wir Kamps. Und die lassen dich nciht hungrig wieder ziehen, nein, die *verkaufen dir Broetchen*. Und glaub mir, das kann bisweilen schlimmer sein als die brotlose Alternative.

  9. Wer zu spät kommt, den bestraft der Busfahrer. » Spaß mit der Deutschen Bahn

    […] Es stand im Kleingedruckten: “Warum ich die “Berliner Befindlichkeiten” nun ausgerechnet wieder ausgegraben habe, hat einen Anlass. Den erkläre ich später. Oder Morgen. Oder am Sonntag.” - Nur, wer liest schon das Kleingedruckte? Eben. […]

  10. Batz

    *lach* Schöner Text, mir ging es die ersten drei Monate als ich herzog sehr ähnlich.

    Eine klassische Auskunft wenn man einen Berliner nach dem Weg fragt und wissen will wie man dort hinkommt ist:

    “Weeß ick nich, willich och jarnich wissen.”

    Dennoch gebe ich gerne zu, daß ich die Stadt nach mittlerweile drei Jahren nicht mehr missen möchte. Denn Berliner können auch anders. Es gibt sie auch, die freundlichen Verkäufer genauso wie die Arschgeigen.

    Was ich an Berlin schätze ist aber durchaus auch, daß nicht jeder seien Nase überall reinhängt und vieles auch einfach akzeptiert wird. Was in kleineren Städten oder einem eskalierten Dorf wie Hamburg noch für Befremdung sorgt, interessiert in Berlin keine Sau.

    http://www.nochetwassalz.de/ba.....nbesucher/

  11. Tux2000

    Ich hätte auf das erste “Dette jibt hier net.” stumpf gesagt “ok, dann such ich mir ‘n Bäcker, der mir auch Ware verkaufen will” und wäre raus und zum nächsten Bäcker gegangen - und immer wieder, notfalls bis ich Restpreussen hinter mir gelassen hätte.

  12. Tobias

    “Wenn Du es dann doch tust und ihn ansprichst: Frage ihn niemals nach der Uhrzeit. Es wird Dein sicherer Seelentod werden. Denn die Antwort wird lauten: “Es ist Viertel Acht.” Viertel vor oder Viertel nach Acht, wirst Du fragen wollen, und in diesem Moment ein lautes ‘Plopp” hören und der Uhrenträger wird entschwinden.”

    Bei sowas sollte man die Uhr lesen können. Hier ist die Anleitung dazu:
    http://www.norddeutschelernendieuhrzulesen.de/

    *g*

    Liebe Grüße eines immigrierten Berliners aus Nordrheinwestfalen.

  13. Wahlberliner(in)

    Berlin, du bist so wunderbar…?!…

    • WIRsein • Mein Nachbar ist den treuen Lesern schon hinlänglich bekannt. (Für alle anderen hier nochmal eine kleine Einführung.) Auch wenn er ein recht unangenehmer Zeitgenosse ist, habe ich ihn noch nicht bei rottenneighbor.com angeprangert. E…

  14. alex

    was gibt es da zu lachen, wenn sich harmoniebedürftige zugezogene darüber beschweren, dass man ihr dorfvokabular in der großstadt nicht versteht.
    eingeladen hat euch keiner. soviel steht fest.
    und wenn noch nen dreiviertel von dem scheiß kuchen da is, sagst du ja wohl auch, dass noch nen dreiviertel von dem scheiß kuchen da is und nich “is noch nen viertel vor nem vollen kuchen da!”. wobei kuchen bei euch dorfis sicher auch anders heißt.
    gute heimreise, ihr toleranzsuchenden!

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