ICEs in der Werkstatt - Chaos bei der Bahn-Leitung
Ich bin am Freitag von Siegburg nach Frankfurt gefahren, eine Strecke die von dem Ausfall der ICE 3 massiv betroffen war (und immer noch ist). Dabei konnte man so einiges nebenbei erfahren. Aber erstmal ein herzliches Dankeschön an die Bahn-Mitarbeiter am Bahnhof Siegburg und an das Zugteam des ICE 727 (gefahren als ICE 2000), denen man in dieser Situation nichts vorwerfen kann, im Gegenteil!
Aber der Reihe nach.
Erstmal die allgemeine Bewertung, wobei ich besonders auf folgenden Kommentar eingehe:
War der Spass eigentlich angekündigt ? Ich meine, in anderen Medien als der Tagesschau ? Für jeden Mist sendet mir die Bahn einen Newsletter aber für sowas nicht ?
Ansonsten war das ganz grosses Kino heute. Praktisch kein Fernverkehrszug fuhr zwischen Dortmund und Köln. Die Regionalbahnen überfüllt. Fernziele damit aber trotzdem nicht erreichbar. Keine Ersatzzüge. Dann die Auskunft des Bahnpersonals, man könne sich ja die Fahrkarte erstatten lassen, wenn man sein Ziel nicht erreichen könne. Tja, da war sie wieder, meine BC100 - kein Fahrschein, keine Erstattung.
Und dann noch die Aussage, die Wartungsarbeiten wären eine reine Vorsichtsmassnahme, es habe keinerlei Gefahr bestanden. Hallo ? Fast alle ICE3 gleichzeitig von der Schiene nehmen ? Wenns nicht so dringend gewesen wäre, hätt man die alle schön einzeln durchchecken können. Aber wahrscheinlich fahren die schon länger schrottreife Fahrzeuge und wollen die Reisenden nicht verunsichern.
Warum werden solche “Notfälle” eigentlich immer auf dem Rücken der Reisenden ausgetragen ? Könnte man nicht Sonderschichten in den Instandhaltungswerken anordnen, so dass das Altmetall nachts und am Wochenende durchgecheckt wird ?
Nun, bei einem ICE ist ein Teil gebrochen, dass nicht hätte brechen dürfen. Ursache unbekannt. Das die Bahn in dieser Situation sinnbildlich gesprochen die Notbremse zieht und die baugleichen Züge zum Sondercheck einberuft halte ich für vollkommen in Ordnung. Immerhin ging es auch die Presse, so dass man zumindest eine Chance hatte zu reagieren. Und das das eine Zeit dauert ist klar, selbst mit Sonderschichten. Denn soviele Werkstätten, die einen ICE 3 derartig checken können, wird die Bahn verständlicherweise nicht haben.
Positiv: Immerhin hat die Bahn es geschafft auf ihre Seite eine Liste der Züge zu packen, die nach einem anderen Fahrplan fahren oder ausfallen. Das heißt, man konnte sich informieren ob eine Verbindung besteht oder nicht.
Leicht Negativ: Die Änderungen waren nicht in der Reiseauskunft eingearbeitet. Ich vermute mal stark, dass das technische Gründe hat, ärgerlich ist es dennoch.
Leicht Negativ: Dee Informationen im Netz hätten ausführlicher sein können. So habe ich erst später in Siegburg erfahren, dass die Neubaustrecke Köln - Frankfurt stündlich bedient wird. Dies war aus den Infos im Netz nicht offensichtlich. Seis drum.
Nun stand ich also gegen 17:40 Uhr in Siegburg und hatte von den Mitarbeitern erfahren, dass der ICE 727, den ich um 17:57 nehmen wollte, fahren sollte. Dann so gegen 17:50 Uhr wurde er auf der Anzeigetafel angezeigt - mit dem Hinweis “fällt aus”. Nun hörte man die DB Mitarbeiter fluchen und auf die Einsatzleitung schimpfen. Die Mitarbeiter waren von dieser Anzeige genauso überrascht wie ich, da ihnen versichert wurde, der Zug fährt. Einer der Mitarbeiter meinte auch:
In Köln bei der Einsatzleitung anrufen bringt auch nichts, die können einem auch nichts sagen
Diese Mitarbeiter fühlten sich schlichtweg im Regen stehen gelassen.
Um ca. 17:55 Uhr sprang dann auf einmal das Signal auf grün um. Um 18:00 Uhr kam dann kommentarlos die Durchsage, dass der ICE 727 nach Nürnberg jetzt einfährt. Und dann kam er auch. Die DB-Mitarbeiter haben nur noch den Kopf geschüttelt über dieses Chaos.
Im ICE lautet dann die elektronische Anzeige “ICE 2000 köln - frankfurt”. Wie ich von der Zugbegleiterin erfahren habe, haben die sich spontan bereit erklärt den ICE nach Frankfurt zu fahren, damit die Strecke wenigstens einigermaßen bedient wird. Enden sollte der Zug aber definitiv in Frankfurt. Der Zugchef hat sich auch nach Kräften bemüht für die Strecken Richtung Stuttgart und München, die mit am stärksten von den Ausfällen betroffen waren, die nächsten Verbindungen rauszusuchen.
Interessant war, dass auf jedem Bahnhof, an dem wir hielten zwar die korrekte (sich ändernde) Verspätung stand, der ICE aber überall als ICE 727 nach Nürnberg angekündigt war, obwohl seit der Abfahrt in Köln klar war, der fährt nur bis Frankfurt.
Im Endeffekt war ich 20 Minuten später am Ziel als morgens geplant und 1:20 Minuten später als ich normalerweise Freitags fahre. Von daher bin ich noch glimpflich weggekommen.
PS: Die Anzeigetafeln in Frankfurt können auch eine Verspätung von ca. 155 Minuten anzeigen, wie ich festgestellt habe.
Fazit
- Ich habe Verständnis für die kurzfristige Inspektion und die damit eingehenden Zugausfälle.
- Ich habe kein Verständnis dafür, dass man einen Ersatzfahrplan macht und diesen so nach belieben ändert, dass nichtmal die Mitarbeiter “an der Front” wissen, was nun Sache ist.
Home
Am 13. Juli 2008 um 22:50 Uhr
… und ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, daß die Angestellten bei der Bahn inzwischen so eingeschüchtert sind, daß sie sich nicht einmal mehr wagen, ohne Rücksprache mit Vorgesetzten die Notbremse zu ziehen und damit ihr eigenes Leben und das hunderter Fahrgäste zu retten! Und noch weniger Verständnis habe ich dafür, daß die Bahn über den Sachverhalt lügt: Ein Fahrgast, kein Bahnmitarbeiter hat den Unglücks-ICE zum Stehen gebracht und ein zweites Eschede verhindert: http://www.spiegel.de/reise/ak.....07,00.html
Am 14. Juli 2008 um 08:03 Uhr
Hört mal, die Bahn muss sich auf den Börsengang vorbereiten, das ist furchtbar wichtig. Sicherheit, Qualität, Pünktlichkeit interessiert da erst mal nicht. Jahrelang hat man jetzt Triebfahrzeuge und Wagen verschrottet und verkauft und die Reserve für Notfälle auf das absolute Minimum heruntergefahren. Alles um die Bahn für den Börsengang schön zu schminken. Da wundert man sich nicht mehr wenn schon bei kleinsten Störungen das totale Chaos ausbricht.
Am 14. Juli 2008 um 12:24 Uhr
Interessant dazu ist das Video im WDR
http://www.wdr.de/mediathek/ht.....aks_01.xml
Was mich wundert, dass Ohrenzeugen im ICE 581 bereits in Frankfurt-Flughafen Geräusche gehört haben und zum Glück nichts passiert ist. War die Veränderung der Fahrtrichtung in Köln (jetzt rückwärts weiter nach Düsseldorf) ausschlaggebend?
Hoffentlich stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren nicht ein, weil nach der Verkettung unglücklicher Umstände und ggf. schuldhaften Handelns am Ende eine Notbremsung mit glücklichem Ausgang erfolgte.
Passagiere, die bei Unfällen (z.B. Schafherde im Tunnel) oder Beinaheunfällen (z.B. Flugzeuglandung bei Sturm in Hamburg) Glück hatten, sollten sich rechtlich zur Wehr setzen.
Am 15. Juli 2008 um 18:12 Uhr
Ich find das irgendwie komisch. Denen ist ein Radreifen gebrochen und man weiß noch nicht warum. Die wissen also garnicht wonach sie bei den anderen Rädern suchen müssen, falls es da ein Problem gibt. Aber es werden alle Räder untersucht und man hat, wie zu erwarten nichts gefunden. Und wenn in 2 Wochen bekannt ist, warum das Teil gebrochen ist, müssen wieder alle Züge in die Werkstatt oder wie?
Am 15. Juli 2008 um 19:38 Uhr
@Kilian:
Der Radreifen ist vor 10 Jahren beim ICE Wilhelm-Konrad-Röntgen in Eschede gebrochen. Hier war es wohl ein Achsbruch. Und die ganze Aktion galt nicht der Ursache, die lässt sich nur am beschädigten Teil selbst finden, sondern es soll festgestellt werden, ob ein solcher Fehler auch bei den anderen Zügen auftreten könnte. Es handelt sich hierbei recht wahrscheinlich um einen Ermüdungsschaden, und sowas lässt sich durch entsprechende Inspektionen normalerweise erkennen, bevor ein solcher Unfall wie in Köln passiert.
Dass die Bahn selbst von einem Ermüdungsbruch auszugehen scheint, lässt sich ganz gut daran ablesen, dass sie die Inspektionsintervalle drastisch verkürzt hat.
Am 15. Juli 2008 um 23:50 Uhr
Bahnlügen, Teil 2064: Auch die Untersuchung der anderen Züge erfolgte nicht, wie von Bahn-Sprechern frech behauptet, auf Veranlassung der DB: http://www.taz.de/1/zukunft/wi.....ter-zwang/
Am 22. Juli 2008 um 20:26 Uhr
@Nils
>>Dass die Bahn selbst von einem Ermüdungsbruch auszugehen scheint, lässt sich ganz gut daran ablesen, dass sie die Inspektionsintervalle drastisch verkürzt hat.<<
FALSCH, nicht die Bahn hat von sich aus die Wartungsintervalle verkürzt. Das hat das Eisenbahnbundesamt ANGORDNET…
Zitat:
<<Betreff: Betrieb der Triebzüge BR 403/406 – Radsatzwellenbruch
Bezug: Anhörung am 10.07.2008; Ihr Schreiben vom 11.07.08 – Herr Dr. XXX
Sehr geehrter Herr Dr. XXX,
Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für die Darstellung der von Ihnen eingeleiteten bzw. vorgesehenen Maßnahmen in Wahrnehmung Ihrer Betreiberverantwortung gemäß § 4 Abs. 1 AEG. In Ihrem Schreiben sind leider keine über den gestrigen Sachvortrag hinausgehenden neuen Gesichtspunkte enthalten, die mich zu einer Änderung des mündlich erlassenden Verwaltungsaktes veranlassen würden. Darüber hinaus scheint mir der von Ihnen dargelegte kürzestmögliche Zeitraum für die Rissfreiheitsprüfung als deutlich zu hoch angesetzt.
Vor diesem Hintergrund bestätige ich gemäß § 5a Abs. 2 des Allgemeinen Eisenbahngesetzes (AEG) in Verbindung mit § 2 Abs. 4 der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) meinen mündlichen Bescheid vom 10.07.2008 wie folgt:
Bescheid
I.
Die Fahrzeuge der BR 403/406, die mit Treibradsatzwellen aus dem Werkstoff 34CrNiMo6 ausgerüstet sind und deren Laufleistung seit der letzten mechanisierten und ohne Befund absolvierten Ultraschallprüfung auf Rissfreiheit mehr als 60.000 km zurückliegt, sind nach Beendigung der am 10.07.2008 begonnenen Zugfahrt aus dem Betrieb zu nehmen. Sie dürfen als Leerzug in eine entsprechende Werkstatt zur Durchführung von Ultraschallprüfungen überführt werden.
II.
Es dürfen nur solche Fahrzeuge der BR 403/406 wieder in Betrieb genommen werden, für die die Rissfreiheit der Treibradsatzwellen aus dem Werkstoff 34CrNiMo6 mittels mechanisierter Ultraschallprüfung nachgewiesen ist.
III.
Die mechanisierte Ultraschallprüfung der Triebradsatzwellen aus dem Werkstoff 34CrNiMo6 ist wiederkehrend in einem Prüfintervall von 60.000 km durchzuführen.
IV.
Bei Befundfeststellung ist das EBA sofort zu informieren.
V.
Die sofortige Vollziehung dieses Bescheides (Nr. I, II, III, IV) wird wegen Gefahr im Verzug als Notstandsmaßnahme im öffentlichen Interesse im Sinne des § 80 Abs. 3 Nr. 2 Verwaltungsgerichtsordnung angeordnet.
VI.
Die Kosten des Verwaltungsverfahrens hat die Bescheidadressatin zu tragen. Über die Höhe erfolgt eine gesonderte Entscheidung.
Begründung:
Nach § 5 Abs. 1a Nr. 1 Buchstabe a) des Allgemeinen Eisenbahngesetzes ist der Bund zuständig für die Eisenbahnaufsicht über die Eisenbahn des Bundes, und nach § 3 Abs. 1 Nr. 2 Bundeseisenbahnverkehrsverwaltungsgesetz (BEVVG) obliegt diese Aufgabe dem Eisenbahn-Bundesamt.
Am 09.07.2008 kam es zu einer Entgleisung des ICE 518 infolge eines Bruchs einer Treibradsatzwelle aus dem Werkstoff 34CrNiMo6. Ein unveränderter Weiterbetrieb der Triebzüge BR 403/406 ist mit erheblichen Gefahren für Leib und Leben verbunden. Der Bruch einer Radsatzwelle führt unweigerlich zum Entgleisen des Zuges das Leben einer Vielzahl von Menschen ist unmittelbar in äußerster Gefahr. Der vorliegende Fall hat sich glücklicherweise bei annähernd Schrittgeschwindigkeit ereignet. Wäre dasselbe Ereignis bei Streckengeschwindigkeit von bis zu 300 km/h aufgetreten, hätte sich mit nicht unerheblicher Wahrscheinlichkeit eine Katastrophe wie z.B. in Eschede ereignen können. Durch die festgelegten Maßnahmen soll sichergestellt werden, dass die Fahrzeuge der BR 403/406 mit rissfesten Treibradsatzwellen aus dem Werkstoff 34CrNiMo6 betrieben werden.
Bei der mündlichen Anhörung und Bescheideröffnung erklärte der Vertreter der DB Fernverkehr AG, DB Fernverkehr würde keinen Rechtsbehelf ergreifen wollen.
Rechtsbehelfsbelehrung
Gegen diesen Bescheid kann innerhalb eines Monats nach seiner Bekanntgabe Widerspruch erhoben werden. Der Widerspruch ist schriftlich oder zur Niederschrift bei der Zentrale des Eisenbahn-Bundesamtes, Vorgebirgsstraße 49, 53119 Bonn, einzulegen.
Hinweise
Der Widerspruch hat gemäß § 80 Abs. 2 Ziffer 4 VwGO keine aufschiebende Wirkung. Gegen die Anordnung der sofortigen Vollziehung kann die Aussetzung der Vollziehung beim Eisenbahn-Bundesamt oder die Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung beim Verwaltungsgericht Köln, Appellhofplatz, 50667 Köln, beantragt werden.
Mit freundlichen Grüßen
Am 26. August 2008 um 03:04 Uhr
[…] kann auch positives berichten: Man lernt nette Leute kennen, kann während der Reise was schönes lesen, sein Notebook auspacken und ein wenig an der Linux-Config rumbasteln (Entspannung pur); Aber alles in […]
Am 25. Oktober 2008 um 15:07 Uhr
Ich habe vor allem überhaupt kein Verständnis dafür, dass sich die aktuelle Situation nicht in der Reiseauskunft wiederspiegelt. Es sollte überhaupt kein Problem sein, Züge als nichtfahrend zu markieren und Ersatzzüge einzugtragen. Wir leben doch nicht mehr im Mittelalter! Und selbst wenn sich da ein paar Leute durch alle betroffenen Züge durch hangeln müssen.
Gerade hier in Dresden ist die Fernverkehrsanbindung jetzt noch bescheidener und eine Planung von zu Hause faktisch unmöglich…
Ansonsten habe ich ja volles Veständnis für diese Maßnahmen.
Am 25. Oktober 2008 um 15:10 Uhr
Mir ist gerade erst aufgefallen, dass dieser Eintrag “uralt” ist. Wie sich das ganze doch ähnelt…
Am 19. Januar 2009 um 11:29 Uhr
Blogring für 34crnimo6…
Verwandte Blog-Einträge…
Am 19. Januar 2009 um 11:29 Uhr
Blogring für 34crnimo6…
Verwandte Blog-Einträge…